EUROPAWAHL am 26. Mai 2019    #runtervomSofa
                                                          #ourEuropeNow

Pulse of Europe

Freiheit wächst nicht auf den Bäumen 

Rezensionen. Copyright by Erich Ruhl-Bady 

Europa jetzt!

Eine Ermutigung.

Steidl Verlag.

Autorinnen und Autoren (Hg.):

Ulrike Guérot / Oskar Negt / Tom Kehrbaum / Emanuel Herold

 

Rezension: Erich Ruhl-Bady.

Es geht um die Republik-Werdung Europas – Kommunikation und Partizipation als Antreiber für den Zusammenhalt

 

Die Bedrohung wächst. Rettung ist möglich.

 

So argumentieren der junge Pulse-of-Europe-Aktivist Herold, der Bildungsexperte der IG Metall Kehrbaum, der Habermas-Weggefährte Negt und die Politologin Guérot. Sie werben für die kontinentale Antwort auf die soziale Frage.

 

Denn die Bedrohung des Friedensprojekts Europa durch das, was manche gerne verharmlosend „Rechtspopulismus“ nennen, bedarf einer nachhaltigen Beantwortung und nicht nur einer ängstlichen Abwehr. Das Erwachen der emanzipatorischen Kraft der Gewerkschaftsbewegung gut verzahnen mit der Verteidigung eines umfassenden Bildungsanspruchs, dabei Vielfalt und Dezentralität bejahen.

 

Kommunikation und Partizipation sind die besseren Katalysatoren für Zusammenhalt als Fiskal- und Geldpolitik. Abgehängt zu sein, ist nicht nur ein Ressentiment schürendes Gefühl, das sich in der Lust auf einfach-autoritäre Lösungen zeigt. Zu viele sind im Globalisierungs-Turbo abgehängt. Das Gefälle zwischen Stadt und Land wird heftiger.

 

Nötig: die Aufwertung der Regionen in einem neuen stabilen europäischen Haus. Perspektivisch die Nationalstaaten überwinden. Guérot: „jetzt geht es um die Republik-Werdung Europas“. Denn wie vor knapp 200 Jahren bei der Nation-Werdung bedeutet Republik: Herstellung und Sicherung von Gleichheit und Recht in kultureller Vielfalt. Die Bürgerinnen und Bürger müssen spüren, dass sie der Souverän sind. Demokratie ist mehr, als gelegentlich mal zu wählen. Am besten in der Europäischen Republik.

 

Der Euro als Gesellschaftsvertrag und die Erkenntnis, dass 500 Millionen Europäer im Weltgefüge mehr ausrichten als jeder Nationalstaat für sich: das ist richtig, aber nicht zureichend.

 

© Erich Ruhl-Bady 2019

 

+++


Gregor Gysi – Ausstieg links?

Eine Bilanz.

Westend Verlag.

Autor: Stephan Hebel

 

Rezension: Erich Ruhl-Bady.

„Wissen Sie: ich hasse einfach nicht zurück“

 

Obacht: das Buch ist kein Nachruf. Eher ein Weckruf. Publizist Stephan Hebel porträtiert den Rechtsanwalt, Politiker und Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi in einem spannenden Interview nach dessen Entscheidung, nicht mehr für den Fraktionsvorsitz der Partei Die Linke zu kandidieren. Er hatte einen relevanten Anteil daran, die SED in die PDS und dann vereint mit der Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (WASG) zur Partei Die Linke zu transformieren. Mit dem Amtsantritt des dritten Kabinetts Merkel am 17. Dezember 2013 wurde Gysi auch Oppositionsführer im Deutschen Bundestag.

 

Der gewandte Hebel trifft den charmanten Gysi, der viele Menschen aus der DDR in die BRD-Demokratie mitnehmen konnte. Unverstellt, frisch, klug, feinfühlig, selbstkritisch, witzig, respektvoll („wissen Sie, ich hasse einfach nicht zurück…“), unverwechselbar: Gysi als eigenständige Liga im Berliner Politikbetrieb. Hebel gelingt eine Mischung aus Biografie und Zeitgeschichte.

 

Gysi nimmt die Dinge ernst, ist eitel und nimmt sich dennoch nicht allzu wichtig. Gysi steht für die Linke. Und nur Gysi fokussiert die „Soziale Frage“ wie kein Zweiter. Undogmatisch ist der Jurist – allein schon, weil ihm Dogmatismus viel zu öde ist. Gysi ist für einen „linken Populismus“: ja, komplizierte Sachen darfst du auch einfacher darstellen, sagt er. Systemkritiker hat er in der DDR verteidigt. Doch im Widerstand war er nicht. Sagt er auch nicht. Es war das Miefige am bürokratischen Sozialismus, das dem DDR-Bildungsbürger auf die Nerven ging. Was hat Gysi noch vor? Keine Antwort – es bleibt spannend. Die Zusammenfassung seiner wichtigsten Reden und die Chronologie am Ende des Buchs rufen nach mehr.

 

© Erich Ruhl-Bady 2019

 

+++

 

Die Wand

Ein Film von Julian Roman Pölsler.

Nach dem Roman von Marlen Haushofer.

 

Rezension: Erich Ruhl-Bady.

In die Existenz geworfen, und beharrlich-tapfer darin lebend

 

Kafka in den österreichischen Alpen? Warum nicht.

 

Eine unsichtbare Wand trennt die einzig im Film vorhandene Protagonistin von der Außenwelt. Unüberwindbar, unerforschlich. Womit wir gleich beim Besonderen sind: dieses Ein-Personen-Stück verlangt der nicht sprechenden, sondern lediglich übers selbst Geschriebene räsonierenden Frau in den Bergen, gefangen von der Wand ringsum – durch Martina Gedeck enorm kraftvoll dargeboten – einiges ab. Regisseur Pölsler macht sich auf, nicht nur etliche Genres zu streifen, und schöne, ja erhabene Bilder zu liefern. Keinesfalls treibt er in Depression. Obwohl dies der Plot des Films allemal hergäbe.

 

Nein. Das ist neben den Anklängen an Kafka, Sarte, Camus, Erinnerungen an "The Day After",  an transzendentale Science Fiction (die Wand ringsum, doch der Himmel, die Universen oben sind grenzenlos, Rilke-gleich) der eigentliche Clou dieses Ausnahme-Films: er zeigt die grundsätzlichen Mentalitätsunterschiede zwischen Männern und Frauen auf.

 

Der guten und verlässlichen Intuition folgend, keine unnütze mechanistische Zeit verschwendend, woher die Wand denn wohl kommt oder was sie gar zu bedeuten hat, beginnt die Zurückgebliebene – vielleicht die einzig Überlebende von irgendwas – ihr Überleben zu organisieren, das So-Sein einfach anzunehmen. Planvoll. Kraftvoll. Und liebevoll. Gemeinsam mit Hund, Katze und Kuh. Niemals idyllisierend, niemals schmalzig – und schon gar nicht trist.

 

Dieser Film ist ein existenzialistisches Lehrstück, das eigene Ins-Leben-Geworfensein zu akzeptieren und gestalten. Im Schweiße des Angesichts Geburt und das sichere Ende annehmen – und dazwischen nicht aufgeben. Selbst innerhalb dieser furchtbaren Wand nicht. Sehr interessant, dabei ein Leben ohne Medien, ohne Kommunikationsmittel nach draußen für denkbar, ja erlebbar zu halten.

 

Und spätestens, wenn der vermutlich zweite Überlebende innerhalb dieser Mauern – ein Mann – auftaucht, wird klar: die Männer stehen in der Gefahr, den Überblick zu verlieren, herunterzukommen, zu verrohen, zu versagen. Pölsler weist uns nach: die Frauen sind ganz natürlich das stärkere Geschlecht. Urteil: absolut sehenswert.

 

© Erich Ruhl-Bady 2019

 

+++

 

Die Wiederbegegnung

Kurzgeschichte.

Beschreibung einer tiefenpsychologischen Reflexion.
Dialog von Selbst und Selbstachtung.

Autorin: Barbara Gertler

 

Rezension: Erich Ruhl-Bady.

Die Selbstachtung als beste Freundin

 

Zwei Zauberworte: ein Ja aus dem Bauch und ein Nein aus dem Herzen.

 

Das Glück wohnt – jedenfalls nicht ausschließlich – auf Wolke sieben. Unser Selbst haben wir immer. Wenn wir es haben. Die Kraft des inneren Dialogs bringt uns voran. Wenn wir uns selbst verlorengehen, ist es Zeit für die Abenteuerreise nach innen.

 

             

Wenn wir die Selbstachtung als die beste Freundin entdecken, dann leben wir im Flow. Dann entsteht Ereignishorizont. Mit den Zauberworten Ja und vor allem Nein. Ich habe Barbara Gertlers Kürzestgeschichte „Die Wiederbegegnung“ von Herzen gern vertont. 


Alle Rezensionen als Audio-Podcast hier